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Kommissar Eschenbach über Social Media

Im Kriminalroman Eistod von Michael Theurillat findet man diesen schönen Gedankengang des Kommissars Eschenbach in einer Wochenbesprechung:

Irgendwann verrecken wir an der political correctness, dachte er. Daran, dass keiner mehr sagt was er denkt. Oder denkt, was er sagt. Anstand hatte etwas schrecklich Lähmendes. Etwas, das der menschlichen Evolution eines Tages mit einem freundlichen Lächeln ein Ende bescheren würde.

Genauso kommt es mir vielfach auch in Social Media vor. Entweder alle nicken einander zu, oder denken sich ihre Variante. Richtige Diskussionen scheint es kaum zu geben. Kritische Stimmen werden ignoriert. Schade.

9 Kommentare

  1. Pingback: Samuel Mettler

  2. Durch die Gnade des hohen Alters bin ich in der Lage mich zu erinnern: Zu Ur-Webzeiten hatten alle Angst, dass wir in der Anonymität des Netzes wie räudige Hunde übereinander herfallen würden. Scheint nicht eingetreten zu sein.

    Trotzdem dürfte der Herr Kommissar hier auf der falschen Fährte sein: Unter Anstand verstehen wir gutes Benehmen. Das Wort hat noch eine zweite Bedeutung, die des Einwands bzw. des Aufschubs. Kennen wir heute, wenn wir etwas beanstanden. Der Einwand, das Hinweisen auf Mangelhaftes, Verbesserungswürdiges ist Bestandteil des Anstands. Ohne Kommissar Eschenbach zu kennen würde ich ihm unterstellen, dass er die Heuchelei anprangen möchte, nicht den Anstand.

    Und wenn’s um Social Media geht: Das Heucheln wird auch Facebook überdauern, das stimmt :-)

  3. spannender anstoss von @leumund, der mich zB auch im zusammenhang mit politnetz.ch interessiert. wie kann der übergang von einer „broadcast-community“ zu einer echten „diskutier-community“ geschafft werden. aktuelle mittel wie facebook u twitter scheitern rasch an der timeline. ev war google wave ein ansatz in die richtung. es gilt irgendwie aus der menge die diskussion zu isolieren und zu führen. und diese lebt schlussendlich auch nur dann, wenn sie konstruktiv geführt wird.

  4. Pingback: politnetz.ch

  5. Eine, wenn nicht die wichtigste Bedingung um konstruktive Diskussionen in Social Media zu ermöglichen, ist die – idealerweise: kollektive – Entwicklung einer Debattierkultur. Es funktioniert in Social Media genauso wie im realen Gespräch zwischen zwei oder mehreren Leuten: Sozialer Druck beeinflusst, wie wir miteinander umgehen. Und es gilt: Was die Mehrheit schätzt, dem muss sich die Minderheit unterwerfen. Je länger eine Debattierkultur von einer Mehrheit mitgetragen wird, desto schwieriger ist es für einzelne, sich gegen diese zu stellen.

  6. Das ist der Punkt: Social Media ist das Instrument. Social Media kreiert nicht Debattierkultur, sondern unterstützt, fördert oder verstärkt im besten Fall.

    Und konstruktive Diskussion findet statt – wie zum Beispiel hier. Weniger konstruktive findet auch statt – aber Idioten gibt’s überall, das ist nicht Social Media-spezifisch.

    Meine Frage wäre: Was sind Bedingungen und Voraussetzungen, damit Social Media-Nutzer in eine Debatte einsteigen? Wie muss zum Beispiel ein Blogbeitrag daherkommen, damit eine Diskussion entsteht?

  7. @Thomas
    Wenn es sowas wie Erfolgsfaktoren in diesem Bereich überhaupt gibt, dann hat ein Blogbeitrag meiner Meinung nach (1) spannend (d.h. aktuell, kontrovers u.ä.), (2) verständlich und (3) kurz zu sein – in dieser Reihenfolge.

  8. ist dem wirklich so? ich glaube die these des blogbeitrages aber mal unkritisch und stelle die gegenfrage: kann es sein, dass sich die social media user in letzter zeit (zu oft) persönlich treffen und sich dort austauschen?

    problematisch wäre bei dieser an sich positiven entwicklung dann eher, dass durch die vielen – meistens einseitig themenorientierten – „tweetups“ verschiedene gruppierungen entstehen, die für nichtteilnehmende dann immer wie unzugänglicher werden.

  9. Auch persönliche Treffen (tweetups) sind kein Garant dafür, dass ernsthafte Diskussionen geführt werden. Es kann passieren, dass bei persönlichen Treffen der gleiche Level von Belanglosigkeit (einfach mit höherer Bandbreite weil Face 2 Face) beibehalten wird. Man ist ja nicht plötzlich jemand andres – und die Belanglosigkeit ist ein Schutz … denn: Die Zugänglichkeit und Sichtbarkeit im Netz macht es möglich schnell mit Themen präsent zu sein – doch ist man auch viel exponierter und verwundbarer. Darum wohl die Zurückhaltung und die Heuchelei. Ich erwische mit immer selbst wieder wenn ich eine pointiert gemeinte Aussage mit einem nachgestellten ;-) abschwäche.

    Es braucht halt immer Mut sich wirklich zu äussern. Das Web macht die Menschen nicht einfach mutiger. Langweiler bleiben Langweiler.

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