Permalink

9

Enabler-Momente

Ein spannendes Phänomen, das mir immer wieder auffällt sind die sogenannten Enabler-Momente. Diese Momente, in denen wildfremde Menschen miteinander zu sprechen beginnen. Meistens durch einen äusseren Anstoss oder ein gemeinsames Erreignis.

Gerade wir Schweizer sind irgendwie besonders geschickt im sich anonym anschweigen. Locker verbringen wir eine mehrstündige Zugfahrt schweigend nebeneinander oder vis-a-vis sitzend. Die meisten von uns begründen dies meistens sogar so, dass man halt keine Lust auf Gespräche hat. Auch gut.

Ich persönlich bin immer wieder erstaunt, wie interessant Gespräche mit fremden sein können. Aber dies meistens erst dann, wenn ein Enabler-Moment das Schweigen bricht. Hier ein paar Beispiele solcher Enabler-Momente:

  1. Das iPhone SBB Ticket
    Auch wenn die Zugbegleiter immer besser mit dem iPhone Ticket umzugehen wissen, noch immer gibt es manchmal Situationen in denen er das Ticket nur schlecht einlesen kann. Gerade dann ergibt sich auch schnell mal ein Gespräch mit den Mitreisenden, die sich danach erkundigen oder einfach durch ein lächeln Gesprächsbereitschaft signalisieren. Ein kleiner Spruch um das Eis zu brechen und schon hat man eine interessante Zugfahrt.
  2. Die Verspätung
    Verspätungen jeglicher Art sind hervorragende Enabler-Ereignisse. Sitzt man nebeneinander im Flugzeug ist ein um mindestens 30 Minuten verzögerter Start ein prima Thema um ins Gespräch zu kommen. Ist es im stehenden Flugzeug noch gefühlte 45 Grad warm kommt sehr schnell eine Gruppendynamik zustande und man kennt am Schluss fünfzig Prozent der Passagiere. Gesellig wie eine Sauna.
  3. Das Missverständnis
    Angenommen, man verwechselt jemanden, mit jemand anderem, dann hat man in dem Moment schon das Eis gebrochen in dem man die Verwechslung begeht. Keine Ursache, gleich dranbleiben, immerhin hat man schon ein Thema

Ich studiere im Rahmen der Unparty auch an Möglichkeiten herum diese Enabler-Ereignisse mittels Social Media im real-life Umfeld zu unterstützen? Mich würde interessieren welche Enabler-Ereignisse ihr kennt, ob wir diese eigentlich brauchen und warum wir nicht alle ein wenig kontaktfreudiger sind?

9 Kommentare

  1. ;) ja – in dem zusammenhang sind wir schweizer schon ein spezielles völklein… da wünschte man sich teilweise unbeschwerter das gespräch zu beginnen. selbst unsere nördlichen nachbarn sind da spontaner… aber die erwähnten enabler-momente stimmen schon.

    wie wärs wohl, wenn man seine „gesprächsbereitschaft“ irgendwie signalisieren könnte? ich denke, dass das genützt würde. denn – irgendwie ists doch auch ein tolles erlebnis, aus dem zug auszusteigen – neue menschen kennengelernt, interessantes gehört, guet die zeit vertrieben…

  2. hm, bei mir funktioniert das jeweils recht gut, wenn ich a) ein barça-shirt trage oder b) meine grosse cam mit relativ grosser linse rumschleppe. beides regt die leute scheinbar an, mit mir zu sprechen. gerade die fussballshirts haben mir auch im ausland schon zu drinks oder einfacherem passieren der zollkontrolle verholfen…

  3. Oh ja, hier sind wir Schweizer sehr kompliziert. Da ich viel im Zug unterwegs bin habe ich mir auch schon gedanken darüber gemacht, aber jetzt weis ich wenigstens wie man das nennt.

    Hatte übrigens gerade gestern einen solchen moment, und das alles nur weil ich mit dem iPad gespiellt habe, wer hätte das gedacht. ;)

  4. Interessanterweise gibt es unzählige solche Momente, wenn man mit seinen Kindern unterwegs ist – Kinder sind DIE Eisbrecher

  5. iPad und grosse Linsen kann ich als „Enabler-Momente“ nur bestätigen! Als ich heute morgen darüber nachdachte ist mir auch aufgefallen, dass besonders junge und besonders alte Menschen meistens kontaktfreudiger sind, als die Altersgruppe zwischen 16 und 50, konnte mir jedoch den Grund dafür nicht erklären.

    Ein Artikel im 20 Minuten kann auch ein guter „Enabler-Moment“ sein ;-)

  6. Jean-Claude Frick 21. Juli 2010 um 14:03

    Ich kann Ivo nur beipflichten. Wenn ich mit meinen kleinen Sohn unterwegs bin dauerts meistens nicht lange und wir werden angesprochen. Sei es an der Migroskasse, im Bus oder der S-Bahn, oder auch einfach wenn wir unterwegs sind.

    Auch gut ist das iPad und neuerdings das iPhone 4. Wobei hier vor allem andere Geeks das Schweigen brechen und sich darüber erkundigen

  7. Ich sehe „Enabler“ als eine Interaktion, in der ich mit jemandem a) die grundsätzliche Gesprächsbereitschaft und b) ein Thema aushandle, zu dem beide wenigstens minimal etwas zu sagen haben. Für mich dasselbe wie ein Smalltalk-Einstieg auf einer Party oder Kennenlernspiele auf einem Seminar.

    Nach meiner Beobachtung haben Menschen die grösste Offenheit für neue Begegnungen, deren Beziehungsgerüst nicht zu fest „geliert“ ist. Zwischen 30 und 60 haben die meisten Menschen ein recht fest etabliertes Beziehungsnetz, aus dem sie eher selten heraustreten (hängt natürlich auch sehr vom Typ ab).

    In Bezug auf die Unparty (die für mich noch ein undurchsichtiges Konzept ist, ausser dass sie in ungemütlichen Räumlichkeiten ohne Licht und Musik stattfinden soll, dafür mit Twitterwall — klingt ein bisschen nach den Vereinsabend des örtlichen Twittervereins) würde sich vielleicht etwas anbieten, dass ich auf Seminaren sehr effizient finde: eine Aufgabe, die man gemeinsam (zu zweit, in der Gruppe) lösen muss. Je kreativer, desto enabler.

    Eine andere Dimension ist für mich noch die Nachhaltigkeit, die aus so einem Gespräch am Bahnhof usw. entsteht. Ein versierter Netzwerker steigt am Ende vielleicht mit Email, Telefonnummer, Visitenkarte oder Twitter-ID aus dem Zug, für andere ist es einfach nur eine flüchtige Begegnung. Ich zum Beispiel habe häufiger flüchtige Kontaktmomente mit ein paar gewechselten Sätzen, aber eigentlich nie nachhaltige Begegnungen. In dem Sinn ist dann nicht nur der „Enabler“ relevant, sondern auch der weitere Verlauf.

  8. manchmal reicht einfach auch schon bloss ein lächeln und ein „offener blick“ als enabler. allerdings muss ich sagen, dass ich oft auch sonst nicht so überaus „gesprächig“ bin und deswegen zugkonversationen mit „fremden“ nicht forciere. eigentlich schade, ich weiss ;-)

  9. Pingback: ymotux

Jetzt kommentieren: