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Blogger nach 24 Stunden Tesla-Wahnsinn wieder geheilt.

Nachdem ich ja im letzten Jahr schon verschiedene Möglichkeiten zum Mieten eines Tesla Model S vorgestellt habe, habe ich mir jetzt in meinem Urlaub mal selber einen Tag lang einen Tesla gemietet. Bei Tesla Car Rent habe ich mir für einen Tag das aktuell leistungsstärkste Model, den P85D gemietet.

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Hier die technischen Daten:

  • 224 PS Frontmotor Motoren-Nennleistung
  • 476 PS Heckmotor Motoren-Nennleistung
  • 967 Nm Drehmoment
  • 250 km/h Höchstgeschwindigkeit
  • ca. 2100kg Leergewicht (keine genauen Angaben auf der Tesla Motors Website)
  • 491 km range (NEDC)
  • 0 – 100 km/h in 3,3 Sek.

Bekannt wurde das Fahrzeug, als nach der ersten Präsentation die ersten Videos aufgetaucht sind, bei denen die Wahnsinnsbeschleunigung anhand von Mitfahrern vorgeführt wurde. 3,3 Sekunden sind wirklich sehr schnell, genauso die fast 1000Nm Drehmoment und die Gesamtleistung von 700 Pferdestärken. Aber wie fährt sich so ein Fahrzeug?

Eine Rakete auf Rädern

Ich war ja schon mit dem Tesla Roadster und dem Model S P85+ gefahren. Dennoch war ich wieder einmal mehr fasziniert, wenn der Tesla nachdem man den Wählhebel auf D stellt einfach geräuschlos dahingleitet. Ein wunderbares und modernes Gefühl, dass mich auch nach Jahren immer noch an den Film erinnert. Hat man dann freie Bahn, drückt man das Gaspedal minim durch, fliegen die 2 Tonnen einfach vorwärts. Brachial.

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Immer wieder erfreut man sich an der direkten Umsetzung von Energie auf die Strasse. Durch die zwei Motoren und die elektronische Steuerung geschieht dies jederzeit ohne Verluste, kein Durchdrehen der Räder, alles kommt auf die Strasse. Die tollsten Sportwagen kommen in diesem Bereich der Beschleunigung mit dem Tesla nicht klar, aber schon nach einigen Kilometer lässt man jeden Porsche ziehen. Der Tesla kann zwar Geschwindigkeiten über 200 Kilometer pro Stunde fahren, gut fühlt er sich dabei aber nicht an. Da ist ein Audi oder BMW einfach näher an Deutschen Autobahnen gebaut. Dazu kommt bei solchen Tempi natürlich auch sofort die Reichweite in Gefahr und man denkt unweigerlich an den nächsten Supercharger.

An jeder Ecke gibt’s einen Supercharger

Für Fahrten entlang der Hauptachsen in Deutschland ist mittlerweile ein Netz von 48 Superchargern in Betrieb. Maximal 100 Kilometer Reichweite genügen mir auf den Autobahnen Deutschlands um den nächsten Tesla Ladepunkt zu erreichen. Ein Blick aufs Navi und man sieht den kleinen roten Punkt mit dem Blitz drin und weiss, hier krieg ich wieder Saft.

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Fährt man zum Supercharger, fährt man ins Reich der Brummifahrer. Auf den Autohöfen die meistens einige hundert Meter von der Autobahn entfernt sind gibt es neben der obligatorischen Tankstelle und einem grossen LKW Parkplatz meistens noch ein McDonalds oder Burger King, vielleicht ein Subway und viele Reisende. Hier fährt man nun also mit dem Tesla auf den Hof und steckt das Kabel ein. Ein denkbar einfacher Prozess, keine Anmeldung an der Ladesäule, kein Bezahlen im Shop, einfach einstecken und schon fliesst der Strom. Das einzige was bleibt, ist Zeit. Man kann also gemütlich im nahen McDonalds etwas Essen, man ist nicht mal über die schleppend langsame Kassiererin genervt, schliesslich hat man Zeit.

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Hat man keinen Hunger, kann man sich ja ein Eis holen, oder geht was trinken. Man kann auch im Auto sitzen bleiben, vor das Auto stehen und warten bis man Gesprächspartner hat und dann über Tesla diskutieren. Kein Problem, mit dem Auto lernt man dauernd neue Leute kennen. Hat man einen Tag Zeit zum fahren, ist das alles easy. Im Winter oder bei einem Sturm sieht das dann alles anders aus. Die Tesla Supercharger stehen draussen, ohne Dach und Schutz vor den Elementen der Natur. Vielleicht wäre wie beim Skoda Suberb ein Schirmfach in der Türe ganz nützlich.

Kaffeefahrt aufs Lande

Hat man seinen Tesla schön geladen will man doch den elektrischen Antrieb mal richtig auskosten und lautlos durch die Dörfer Deutschlands fahren. Immerhin bieten Landstrassen doch die Möglichkeit schön zu beschleunigen und durch die Dörfer zu schweben. Eigentlich eine der schönsten Arten einen Tesla zu bewegen, lautlos mit moderaten Geschwindigkeiten. Ab und zu mit dem Gaspedal das Biest wecken um einen Traktor zu überholen und den auch relativ schnell im Bildschirm der Rückfahrkamera verschwinden zu sehen. Danach wieder gleiten und einfach geniessen. Einfach im Sinne der Fortbeweung in Nordamerika, dafür ist der Tesla gebaut.

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Aber hier kommt das grosse Staunen, das Tesla Navigationssystem kann nur Autobahn. Egal welche Route man wählt, es gibt nur eine Route die mich sofort und immer direkt zurück auf die Autobahn führt. Im eingebauten elektronischen Handbuch sucht man vergeblich nach einer Option zur Routenwahl wie kürzeste, schönste, schnellste und ökologischste Route. Auch ein Blick in die Tesla Foren zeigt, die Funktion existiert ganz einfach nicht. Fährt man Landstrasse will auch hier das Navigationssystem wie ein Gummiband zurück zur Autobahn, es scheint als sei man hier einfach auf Autobahn fixiert. Am Schluss hilft nichts und ich muss über mein iPhone und Google Maps die kürzeste Route navigieren lassen um über Land zu meinem Ziel zu kommen.

Und die Reichweite?

Irgendwie hab ich jetzt das Model S zwar einen Tag gefahren, kann aber dennoch zur Reichweite nichts sagen. Immerhin hatte ich durch die zur Verfügung stehende Zeit und die limitierten Kilometer eher das Problem zu schnell zuviele Kilometer zu fahren. Und so war ich wohl auch einmal zuviel an einem Supercharger. Ich denke man kann die versprochenen Kilometer auch fahren. Mit einer vorsichtigen, vorausschauenden und energiesparenden Fahrweise. Das einzige Problem ist, dass es mit 700 PS eher schwierig ist so zu fahren. Zu gross ist der Spass der sich beim durchdrücken des Gaspedals entwickelt.

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Grundsätzlich ist das Thema Verbrauch, Zeit und Geschwindigkeit sehr komplex. Wie man anhand der Berichte im hervorragenden Tesla Blog und der Diskussionen im Tesla Freunde Forum sehen kann gibt es die unterschiedlichsten Berechnungen und Kalkulationen wie diese Grafik die Fahrzeiten inklusive Ladestops visualisiert.

Fahrgeschwindigkeit Supercharger Optimierung Ergebnis

Was mich am Tesla in dieser Hinsicht am meisten verwirrt sind die unterschiedlichen Werte zur Restlaufzeit die man sieht. Einmal Normverbrauch, einmal basierend auf den Durchschnitt und einmal aufgrund des aktuellen Verbrauchs. Wäre es nicht möglich hier nur einen Wert zu zeigen, der vielleicht ein wenig statischer, dafür real wäre?

Mein persönliches Fazit

Ich bin geheilt: Nach 24 Stunden Tesla und der folgenden Heimfahrt über fast 200 Kilometer mit meinem Audi A5 bin ich wieder fest in den Händen der Mineralölindustrie. Um regelmässig auf Deutschen Autobahnen unterwegs zu sein wäre mir der Aufwand zu hoch. Da lob ich mir meinen A5, der mit 177PS gut und vernünftig motorisiert ist, bis zu Geschwindigkeiten von 200km/h angenehm zu fahren ist und frühestens alle 600 Kilometer eine Tankstelle sehen will.

Der P85D ist genial, aber im Gegensatz zu meiner ersten Fahrt mit dem P85+ auf Schweizer Autobahnen konnte mich der P85D hier in Deutschland nicht überzeugen. Das Fahrzeug hat zwar Leistung ohne Ende, das Handling überzeugt mich aber nicht in diesem Umfeld. Die Leistungssteigerung, das Aufmotzen der Model S Limousine zu einem Supersportwagen steht dem Fahrzeug nicht in allen Belangen.

Zum ersten Mal frage ich mich, ob Musk mit diesem Leistungsstreben (nochmals 0.3 Sekunden schneller von 0-100 macht nur noch beschränkt Sinn) auf dem richtigen Weg ist und nicht das Gesamtpaket aus den Augen verliert. Ein noch günstigeres Model S mit 70kWh und einem Frontmotor mit 230PS und einer Beschleunigung von 0-100 in 7 bis 8 Sekunden wär doch eine gute Ergänzung der Produktpalette sofern man in der Fabrik überhaupt die Kapazitäten hat.

In der Schweiz würde ich keinen Moment zögern wenn ich auf ein Model S umsteigen könnte, gerne auch auf Vernunftsmodel wie das Model S 70 mit nur 328 PS. Eine Beschleunigung von 5.2 Sekunden von Null auf Hundert ist vollkommen akzeptabel und eine realistische Reichweite um die 300 Kilometer für die meisten Fahrten vollkommen ausreichend.

Alle aktuellen Tesla Model S Varianten im Vergleich:

70 70D 85 85D P85D
Batterie 70kWh 70kWh 85kWh(90*) 85kWh(90*) 85kWh(90*)
Reichweite (NEFZ) 420km 442km 502km 528km 491km
0-100 5.8s 5.4s 5.6s 4.4s 3.3s(3.0s*)
Leistung Frontmotor 262PS 262PS 224PS
Leistung Heckmotor 320PS 332PS 378PS 422PS 476PS
Leistung Gesamt 320PS 594PS 378PS 684PS 700PS
Drehmoment 440Nm 525Nm 440Nm 660Nm 967Nm
Preis 70900 CHF / 74200€ 75800 CHF / 79500€ 80600 CHF / 84800€ 85500 CHF / 90100€ 105000 CHF / 111200€

Alle Angaben von der Tesla Motors Website und ohne Gewähr. (*Das 90kWh Reichweiten Upgrade erhöht die Reichweite um ca. 6%)

Nachtrag:
Vergessen, aber erwähnenswert ist der Tempomat mit Abstandsradar im Tesla. Die Geschwindigkeitsregelung funktioniert auch bei dichtem Verkehr und zwar so komfortabel wie ich das bei meinem Audi noch nie erlebt habe. Das System scheint sehr vorausschauend zu fahren und reagiert auch bei eindrängelnden Fahrzeugen sehr angenehm. Bin gespannt, wie das System dann in Zukunft komplett autonom auf der Autobahn agiert.

10 Kommentare

  1. Danke fürs Aufschalten der Kommentarfunktion ;-)
    Ich bin seit 13 Jahren konsequenter Passat-Fahrer und dachte mir mal, wenn ich vom Passat weggehe, dann Richtung Elektroauto, bzw. Tesla. Mittlerweile habe ich meine Meinung grundsätzlich geändert, weder ein Passat noch ein Tesla steht auf dem Plan.
    Die Evaluierungsphase eines neuen Autos (nicht Neuwagen, zuviel Verlust, bewusst was mit 30-50’000km auf dem Buckel) zeigt mir aktuell dass weder ein Passat noch ein Tesla vernünftig erschwinglich sind. Beide Karrossen sind preismässig fast dem Luxussegment zugeordnet, Preise von 70’000 CHF aufwärts für einen Neuwagen sind mir einfach zuviel und die gebrauchten davon sind rar oder eben auch zu teuer. Schade, warum Tesla nicht was mit rund 200-250PS und etwas leichter baut ist mir ein Rätsel, würde weggehen wie warme Semmeln, bin ich mir sicher…

    Wie dem auch sei, ich werd wohl wieder auf einen Dieselmotor aus Wolfsburg setzen, wenn auch ohne Passat-Aufschrift auf der Heckklappe…

  2. Was ich noch vergessen habe zu erwähnen, mir muss keiner Erzählen dass man mit dem Tesla bei den Anschaffungskosten jemals die Spritkosten für ein Diesel oder Benziner reinholt, no no never!
    Tesla ist meiner Meinung was für Leute die mal schnell knapp 100’000CHF locker machen können und was für die Umwelt tun wollen. Ob immer 2 Tonnen Metall herumzukurven dabei richtig ist, sei dahingestellt…

    (Versteht mich nicht falsch, finde den Tesla auch ne geile Karre)

  3. Pingback: theRelevent.com | Der Weg zum eigenen Tesla Teil 1: Grenzenlose Elektromobilität für die Schweiz

  4. @hans mit tesla 3 und model x sollte das ja in deine richtung gehen. nur dauert das halt noch. ich bin da zu ungeduldig. mein gedanke zu dem preis-argument: in der schweiz ist es unter unternehmern usus, so einen audi, der total politisch korrekt ausschaut zu fahren. nur hinten bisschen breiter und die silbernen spiegelchen und die roten bremskappen verraten 150k aufwärts. nur schon wer mercedes oder fetten bmw fährt wird komisch angeschaut. aber die audis gehen durch in jedem dorf. also die leistbarkeit eines teslas für 1/3 weniger sollte in der zielgruppe, die nciht klein ist in der CH gut funktionieren. ich finde die 3 phasen von tesla auch sensationell: roadster, model S, model X – weil warum von der masse nehmen, wenn ich gleich mit den besseren margen noch die positionierung und begehrlichkeit mitboosten kann? und nun kommen die günstigeren „volkswagen“, wenn man das so hierarchisch sehen will. spannend finde ich auch, dass du das gewicht als minus wertest. das hat tesla doch schon auf dem radar. aber wenn ich schau wie beweglich gerade die anderen player mit ihrer nicht vorwärtsstrategie sind, lehn ich mich mit 2 tonnen gemütlich zurück und sage: der beitrag ist immer noch ein xfaches.

    nun bin ich selber gerade eingestiegen aus totalem zufall und total unerwartet. und nun muss ich wissen ob das so zukunft ist wie man es proklamiert – daher hier meine berichterstattung teil 1:
    https://therelevent.com/der-weg-zum-eigenen-tesla-teil-1-grenzenlose-elektromobilitaet-fuer-die-schweiz/

    mal sehen, was ich in einem jahr schreiben würde…

  5. @hans
    Hast du dir mal den Volvo V60 Plugin-Hybrid angeschaut? Der scheint ne gute Alternative zu sein, wenn du im Normalfall bis zu 50 Kilometer Arbeitsweg hast und sowohl zuhause als auch in der Firma eine Steckdose hast.

    @floto
    Ich finde es immer faszinierend wieviele A6 in Deutschland als Firmenwagen unterwegs sind. In der Zwischenzeit habe ich aber auch erfahren, dass Audi in den Leasingprogrammen viel dafür macht und für Arbeitnehmer meistens für unter 100€ Zuzahlung das Upgrade vom A4 auf den A6 möglich ist.

  6. Pingback: Tesla-Tests, Vater mit 60 und der neue Carponizer – die Links der Woche vom 23.10. bis 29.10. | Männer unter sich

  7. Pingback: Save the date: 3.9.2016The inofficial Swiss Model X hands-on - Der LeuMund.ch

  8. Pingback: Hello Model 3 - Der LeuMund.ch

  9. Wenn ich an meine Schulphsik zurückdenke, dürfte das Gewicht des Tesla nicht in die Rechnung eingehen. Die Energie, die ich zum Beschleunigen brauche, hole ich mir bei Rekuperation oder Geschwindigkeitserhaltung zurück. Die Energie wird nur durch den Luftwiderstand verbraucht (ja, noch durch den Wirkungsgrad, aber den lassen wir mal) – da aber mit dem Quadrat der Geschwindigkeit – da fordert der Tesla wahrscheinlich große Disziplin!

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